Softwareauswahl
Ratgeber
Software auswählen in sieben Schritten: von der Anforderungsliste bis zum Vertrag
Anforderungen klären, Kandidaten eingrenzen, richtig testen und den Vertrag prüfen: ein Leitfaden für die Softwareauswahl im Mittelstand, mit Checklisten.
Von Wolfram Eschenbach · Fachlich geprüft von Wolfram Eschenbach · Zuletzt aktualisiert am 22. Oktober 2026
01Kurz gefasst
Beginnen Sie mit Ihren Abläufen, nicht mit Funktionslisten. Fünf bis zehn Pflichtkriterien reichen, um das Feld einzugrenzen.
Prüfen Sie die deutschen Pflichtthemen früh: Serverstandort und AVV, GoBD, E-Rechnung, DATEV und, falls vorhanden, den Betriebsrat.
Testen Sie mit echten Fällen aus Ihrem Alltag und mit den Personen, die später täglich damit arbeiten.
Rechnen Sie die Kosten über drei bis fünf Jahre, inklusive Einführung, Zusatzmodulen, Preiserhöhungen und Datenexport beim Ausstieg.
02Im Detail
Im Bitkom-Bericht „Digitalisierung der Wirtschaft“ vom März 2026 nannten 77 % der befragten Unternehmen ab 20 Beschäftigten die Anforderungen an den Datenschutz als Hemmnis der Digitalisierung, 66 % fehlende Zeit. Beides spürt man bei der Softwareauswahl besonders deutlich: Die Fragen nach Datenschutz und Compliance sind zahlreich, und die Zeit für eine gründliche Prüfung fehlt neben dem Tagesgeschäft. Die Folge sind Entscheidungen nach Bauchgefühl oder nach der überzeugendsten Vertriebspräsentation.
Eine strukturierte Auswahl muss nicht aufwendig sein. Die folgenden sieben Schritte funktionieren für eine Zeiterfassung im Zwölf-Personen-Betrieb genauso wie für ein ERP im Mittelstand. Nur die Tiefe ist eine andere.
Schritt 1: Abläufe beschreiben, nicht Funktionen sammeln
Am Anfang steht nicht die Frage, was eine Software können soll, sondern was heute in Ihrem Unternehmen passiert. Beschreiben Sie zwei bis fünf Kernabläufe in einfachen Sätzen, etwa: „Eine Eingangsrechnung kommt per E-Mail, wird von der Abteilungsleitung freigegeben, gebucht und an die Steuerberatung übergeben.“ Notieren Sie, wer beteiligt ist, wo es heute hakt und was sich ändern soll.
Daraus ergibt sich die Anforderungsliste fast von selbst. Sie ist kürzer und treffender als jede Funktionsliste aus dem Internet.
Schritt 2: Pflicht und Kür trennen
Teilen Sie die Anforderungen in drei Gruppen:
- Pflicht: Ohne das geht es nicht. Fünf bis zehn Punkte sind genug.
- Wichtig: Spart spürbar Zeit oder Geld, ließe sich aber notfalls anders lösen.
- Schön: Nett zu haben, entscheidet aber nicht.
Eine Software, die ein Pflichtkriterium nicht erfüllt, scheidet aus, egal wie gut sie sonst ist. Das spart später lange Diskussionen.
Schritt 3: Die deutschen Pflichtthemen früh prüfen
Einige Anforderungen ergeben sich aus deutschem Recht und gehören bei fast jeder Unternehmenssoftware auf die Liste. Sie sind der häufigste Grund, warum ein Programm nach Wochen der Prüfung doch noch ausscheidet. Klären Sie sie deshalb vor den Demos:
- Datenschutz: Wo stehen die Server, gibt es einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung, welche Unterauftragsverarbeiter sind beteiligt? Details im Ratgeber Auftragsverarbeitung bei Cloudsoftware.
- GoBD: Für alles, was Buchungen, Belege oder steuerlich relevante Daten betrifft. Details im Ratgeber GoBD und Aufbewahrungsfristen.
- E-Rechnung: Für Buchhaltung, Rechnungsprogramme und ERP: Empfang und Versand von XRechnung und ZUGFeRD. Details im Ratgeber E-Rechnungspflicht.
- DATEV und ELSTER: Arbeitet Ihre Steuerberatung mit DATEV, muss die Übergabe funktionieren, und zwar mit den Daten, die die Kanzlei braucht.
- Betriebsrat: Gibt es einen, ist die Einführung fast jeder Software mitbestimmungspflichtig. Details im Ratgeber Software einführen mit Betriebsrat.
- Support auf Deutsch: Telefon, E-Mail oder Chat, zu welchen Zeiten, und gegen welchen Aufpreis?
In unseren Profilen beantworten wir diese Fragen für jedes Programm im Deutschland-Check, jeweils mit Quelle.
Schritt 4: Das Feld auf drei bis fünf Kandidaten eingrenzen
Mit der Pflichtliste lässt sich der Markt schnell eingrenzen. Ein guter Startpunkt sind Vergleiche, die ihre Kriterien offenlegen, und die Erfahrungen von Betrieben ähnlicher Größe und Branche. Achten Sie dabei auf drei Dinge:
- Größe: Ein Programm für Konzerne ist für einen Kleinbetrieb meist zu teuer und zu aufwendig, ein Werkzeug für Selbstständige stößt im Mittelstand an Grenzen.
- Branche: Handwerk, Handel, Gastronomie und Beratung haben sehr unterschiedliche Abläufe. Branchenlösungen sind oft schneller eingerichtet.
- Preismodell: Pro Nutzer, pro Mitarbeitendem, pro Paket oder nach Volumen. Das passende Modell hängt von Ihrer Struktur ab.
Mehr als fünf Kandidaten sollten es nicht sein. Jede zusätzliche Demo kostet Zeit, ohne die Entscheidung besser zu machen.
Schritt 5: Richtig testen
Eine Vertriebsdemo zeigt, was die Software kann. Ein eigener Test zeigt, wie sie sich in Ihrem Alltag anfühlt. Nutzen Sie die Testphasen der Anbieter, und gehen Sie dabei planvoll vor:
- Echte Fälle: Spielen Sie zwei oder drei Ihrer Kernabläufe aus Schritt 1 vollständig durch, mit realistischen, aber anonymisierten Daten.
- Die richtigen Personen: Lassen Sie die Menschen testen, die später täglich damit arbeiten, nicht nur die Geschäftsführung.
- Grenzfälle: Eine Gutschrift, eine Korrektur, ein Teilzahlungseingang, eine Schicht über Mitternacht. Hier zeigen sich die Unterschiede.
- Support ausprobieren: Stellen Sie während des Tests eine echte Frage an den Support und achten Sie auf Antwortzeit und Qualität.
- Export prüfen: Exportieren Sie Ihre Testdaten. Wie gut Sie Daten herausbekommen, ist bei einem späteren Wechsel entscheidend.
Halten Sie die Ergebnisse in einer einfachen Tabelle fest, eine Zeile pro Pflichtkriterium, eine Spalte pro Kandidat.
Schritt 6: Kosten über die Laufzeit rechnen
Der Preis auf der Produktseite ist selten der Preis, den Sie über die Jahre zahlen. Rechnen Sie für jeden Kandidaten die Kosten über drei bis fünf Jahre und berücksichtigen Sie:
- Lizenzen: für die Nutzerzahl in zwei bis drei Jahren, nicht nur für heute.
- Zusatzmodule: Funktionen, die Sie brauchen, aber nicht im gewählten Tarif enthalten sind.
- Einführung: Einrichtung, Datenübernahme, Schulung, gegebenenfalls ein Partner für die Implementierung.
- Laufende Nebenkosten: Schnittstellen, zusätzliche Speicherkontingente, Terminals, Supportpakete.
- Preisanpassungen: Was sagt der Vertrag zu Preiserhöhungen?
- Ausstieg: Was kostet der Datenexport oder ein Lesezugang für die Aufbewahrungsfrist?
In unseren Profilen finden Sie die Tarife mit Stand und Quelle, bei vielen Programmen auch die Kosten nach Teamgröße.
Schritt 7: Den Vertrag prüfen
Bevor Sie unterschreiben, lohnt ein Blick auf die Punkte, die im Alltag später Ärger machen:
- Laufzeit und Kündigung: monatlich kündbar oder Jahresvertrag mit automatischer Verlängerung? Welche Frist gilt?
- Preisanpassungen: Wie oft und in welchem Umfang darf der Anbieter die Preise ändern, und haben Sie dann ein Sonderkündigungsrecht?
- Verfügbarkeit: Gibt es eine zugesagte Verfügbarkeit, und was passiert, wenn sie verfehlt wird?
- Datenschutz: Ist der Vertrag zur Auftragsverarbeitung abgeschlossen?
- Daten beim Ausstieg: In welchem Format und wie lange bekommen Sie Ihre Daten nach der Kündigung?
- Zusagen aus dem Vertrieb: Was in der Präsentation versprochen wurde, etwa eine Funktion „im nächsten Quartal“, gehört schriftlich in den Vertrag.
Fazit
Gute Softwareentscheidungen entstehen nicht aus der längsten Funktionsliste, sondern aus einer klaren Vorstellung der eigenen Abläufe, einer kurzen Pflichtliste und einem ehrlichen Test. Wer die deutschen Pflichtthemen früh klärt und die Kosten über die Laufzeit rechnet, vermeidet die teuersten Fehler. Wenn Sie Unterstützung bei der Eingrenzung möchten, hilft Ihnen unsere kostenlose Beratung oder der Softwarefinder auf der Startseite.
So ist dieser Ratgeber entstanden
Der Ratgeber beruht auf der Methodik, mit der wir Software bewerten, sowie auf den genannten Quellen zu Datenschutz, GoBD und Mitbestimmung, abgerufen im Oktober 2026. Er ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung.
03Quellen
Jede Angabe in diesem Ratgeber stützt sich auf diese Quellen. Maßgeblich bleiben Gesetz und aktuelle Verwaltungsanweisungen.
Bitkom: Digitalisierung der Wirtschaft 2026 (öffnet in neuem Tab), abgerufen am 22. Oktober 2026
Datenschutzkonferenz, Kurzpapier Nr. 13: Auftragsverarbeitung (öffnet in neuem Tab), abgerufen am 22. Oktober 2026
Bundesfinanzministerium, AO-Handbuch 2026, Anhang 33: GoBD (öffnet in neuem Tab), abgerufen am 22. Oktober 2026
§ 87 BetrVG, Mitbestimmungsrechte (öffnet in neuem Tab), abgerufen am 22. Oktober 2026
04Wer schreibt
Wolfram Eschenbach
Gründer und Autor
Wolfram Eschenbach hat Softwarekenner in Frankfurt am Main gegründet. Er recherchiert und schreibt die Bewertungen der Redaktion und ist für die Inhalte nach § 18 Abs. 2 MStV verantwortlich.
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